Freiheit und Frieden stecken in (m)einem Rucksack

Vor kurzem las ich ein Zitat: "Am schwierigsten ist der Weg zwischen den Wegweisern zu finden. Dieser Satz war in seinem Zusammenhang sehr tiefgründig zu verstehen. Nicht, dass die Wege schlecht markiert wären,  nein, hin und wieder wird einem der Weg aufgezeigt und ein Leitfaden gereicht. Zwischen den Wegweisern jedoch muss und sollte man hinterfragen: „Bin ich noch auf dem richtigen Weg? Sollte ich nicht lieber eine andere Richtung einschlagen? Ist es nicht besser vielleicht einen Umweg in Kauf zu nehmen?“

Sie sehen, wandern hat immer etwas mit Philosophie zu tun. Auf Langstreckenwanderungen bekommt man den Kopf frei, was in dieser Form eine Tagestour nicht bieten kann. Je länger eine Tour wird, desto mehr gelingt es uns, im wahrsten Sinne des Wortes, Abstand zu bekommen. Abstand nicht nur von zu Hause, Abstand auch von Dingen, welche uns schwierig erschienen, dann aber plötzlich „nichtig und klein“, wie Reinhard Mey es in „Über den Wolken“ besingt, vorkommen.
Mey meint,  über den Wolken müsse die Freiheit wohl grenzenlos sein. Ich erlebe auf unseren Fernwanderungen stets, dass auch beim Wandern die Freiheit unmittelbar ohne Grenzen und am intensivsten zu spüren ist. 
Begegnung und Gastfreundschaft, Freiheit und Frieden sind zwei hohe Güter, welche sich unsere Gesellschaft erwirkt hat und diese auch schützen und erhalten muss. Zwei Werte, welche, wie wir wissen, nicht selbstverständlich sind. Wenn wir wandern, frei über Grenzen hinweg - was ebenfalls nicht selbstverständlich ist - in ferne Länder, so können wir Menschen begegnen, auf dem Land, in den Städten, in den Bergen und an den Flüssen. Fremde werden zu Freunden. Wandern heißt auch sich begegnen. Wandern heißt Gastfreundschaft erleben, jedoch auch nicht immer nur nehmen, sondern auch geben. Wandern in Europa heißt, Frieden pflegen und erhalten.
„Bis zum Horizont und noch viel weiter“, ebenfalls ein Wandermotto, welchem wir stets folgen könnten. Wandern ist kostenlos, wir müssen keinen Wegezoll bezahlen. Wir kommen auf all den Wegen dieser Welt, zu Fuß in jeden Winkel dieser Erde. Packen Sie ihren Rucksack, machen Sie sich auf, nehmen Sie sich die Zeit, streben Sie einem Wunschziel entgegen und seien Sie offen, für die Erlebnisse und Begegnungen, welche auf Sie warten.
Unsere mehr oder weniger langen Fernwanderwege in Ostbayern bieten immer eine Gelegenheit, sich auf den einen oder anderen Weg zu machen. Von Nord nach Süd, von Ost nach West, wie auch immer. Lernen Sie Land und Leute, Traditionen und Kulturschätze kennen, betrachten Sie sie einmal aus einem anderen Blickwinkel. Lieber im Schritttempo durch ein Land wandern, als mit dem Auto auf einer Autobahn zu stehen. Es gibt viel zu entdecken.
Freiheit und Frieden stecken in einem Rucksack. Und Sie werden sehen, Sie werden immer Ihren Weg zwischen den Wegweisern finden. Und sollte es einmal nicht ganz so leicht sein, dann orientieren Sie sich einfach neu. Ein Verlaufen gibt es nicht.

Diese Wandersaison ist schnell vergangen.  Schon zieht der Winter langsam über das Land. Schauen wir einmal, wie er  heuer ausfallen wird. Aber auch die winterliche Mittelgebirgslandschaft am Goldsteig hat viel für Wanderer zu bieten. Hinterlassen Sie Ihre Spuren, damit andere Ihnen folgen können.

Ich wünsche Ihnen einen besinnlichen Jahresausklang, einen friedvollen Start ins das neue Jahr. Bleiben Sie aktiv und damit auch gesund!

 

© Michael Körner, geschrieben für das Goldsteig-Magazin, Ausgabe Winter 2014 /´15